Stilbruch

Die heutige Gesellschaft in den von der Globalisierung betroffenen Industrieländern lebt nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ und unterliegt dadurch nicht zuletzt einer permanenten Reizüberflutung. Große Werbeplakate, Leuchtreklamen und Werbung an buchstäblich jeder Ecke sollen die Menschen zum Konsum anregen bzw. zwingen. Dabei wird die Aufmerksamkeit häufig auf das Schönheitsideal gelegt, da es erfahrungsgemäß einfacher ist, Menschen mit dem Bedürfnis nach Schönheit und Sex anzusprechen. Die Werbeindustrie verfolgt schon lange das Motto „Sex sells“ und setzt diese Marketingstrategie konsequent um. Dabei ist es unerheblich, ob das Schönheitsideal dazu führt, dass mehr und mehr junge Mädchen unter Essstörungen leiden oder sich gar zu Tode hungern, um dem zu entsprechen und in jeder Frauenzeitschrift das Thema „Diät“ oder das „Punktezählsystem nach Weight Watchers“ zum Dauerrenner wird. Die Werbeindustrie verfolgt mit dem offenkundigen Darstellen leicht bis gar nicht bekleideter Frauen (selbst in einer Fernsehreklame für Lätta-Margarine) das Ziel, unsere Sinne nach Erotik anzusprechen. Alle Frauen sollen das Bedürfnis entwickeln, wie das Modell in der Werbung auszusehen. Gleich Tantalos das Wasser, sollen die so angesprochenen Frauen das in der Webung propagierte „ideale Frauenbild“ indes nie erreichen können, denn Dank nachträglicher Be- oder vielmehr Umarbeitung mit einem Grafikprogramm entspricht das Aussehen der Frauen aus der Werbung schon lange nicht mehr dem realer Personen. Die derart angesprochenen Männer daneben sollen sich so eine Frau wie das Modell aus der Werbung wünschen.

Das zeigt erneut, wie leicht sich durch das Ansprechen auch niederster Instinkte Nacktheit, Erotik und letztlich auch Sex verkaufen lassen. Soll die Reizschwelle der Adressaten immer wieder überschritten und dadurch deren Aufmerksamkeit angesichts der Dauerberieselung mit entsprechenden Inhalten überhaupt noch erregt werden, muss die Intensität der Darstellung ständig erhöht werden. Dadurch findet zugleich eine Abstumpfung der Sinne statt. Durch die Darstellung (fast) nackter Tatsachen geht auch der Blick für das Wesentliche verloren. Vor allem bleibt kaum mehr – oder schlimmer noch: kein – Raum mehr für Fantasie, die letztlich entschwindet, da einem alles vorgegeben wird. Doch auch, wenn man sich dies in der heutigen Zeit nur schwer vorstellen kann, war das nicht immer so. Die Kunst hatte einen langen Weg vor sich, um Bilder mit leicht bekleideten Frauen darstellen zu dürfen, da selbst ein nackter Knöchel ein Skandal war.

Daran anknüpfend, wollte ich der Fantasie wieder mehr Raum schaffen und hierzu in Stil der Kleidung und Frisur des Modells an die klassische Pin-Up-Fotografie angelehnte Bilder anfertigen, die einerseits ähnlich der ursprünglichen Fotos gestaltet sind. Zugleich wollte ich Elemente zeitgenössischen und gegenwärtigen Trends entsprechenden Körperschmucks (etwa Tattoos und Piercings) aufgreifen. Durch den Gegensatz zwischen „schöner Frau in ansprechender Pose“ einerseits und ihren grundsätzlich ansehnlichen Körper verunstaltenden Tattoos und Piercings (künstlichen Makeln) andererseits, soll der Stilbruch in doppelter Hinsicht erreicht werden: Indem der stilistische Rahmen der ursprünglichen Pin-Up-Fotografie überschritten wird und daneben mittels Durchbrechung des von der Werbung der Gegenwart propagierten Frauenbildes, aber auch umgekehrt mittels Durchbrechung des in der Szene der Anhänger entsprechender Körpermodifikationen propagierten Frauenbildes, das seinerseits regelmäßig nicht dem Bild der Frau der Werbung („Glamour Girl“ etc.) entspricht.

Zusammenfassung soll meine Idee zu einer Fusion verschiedener Stile führen, die sich aufgrund ihrer Abweichung von den in der Gesellschaft vorherrschenden Normen im Hinblick auf das äußere Erscheinungsbild beide ihre gesellschaftliche Akzeptanz in ihrer jeweiligen Zeit erst erkämpfen mussten und bis heute nicht in vollem Umfang erkämpft haben. Genau darin liegt die Gemeinsamkeit der ansonsten völlig verschiedenen Stile – und für mich der Reiz meiner Idee: Es wurden Pin-Up-Fotos aufgenommen, die um Körper schmückende und modifizierende Elemente ergänzt werden.

Esther

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