Who is Ana?

In deutschen psychiatrischen Kliniken liegen bereits zehnjährige Mädchen, die zwangsernährt werden müssen. Diagnose: Anorexia nervosa. Essgestörte junge Mädchen engagieren sich auf einschlägigen Websites für die aus Amerika stammende Pro-Ana-Bewegung.

Unbeschadet dessen propagieren die Medien und die Wirtschaft ständig ein für die westliche Gesellschaft charakteristisches, von Zielkonflikten geprägtes Schönheitsideal: Einerseits fordern Designer immer dünnere Modelle, deren Konfektionsgröße sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter verkleinert hat. Andererseits werden die Menschen in den Industrieländern immer dicker. Das Fernsehen idealisiert Lifestyle, Erfolg und Glück mit Dünn-Sein während uns eine Masse von den verschiedensten Nahrungsmitteln aller Art im Supermarkt erwartet. Da fällt der westliche Erdbewohner schon mal in einen Gewissenskonflikt, während er sich Heidi Klums Germanys Next Top Model anschaut und nebenbei eine Tüte Chips verschlingt. Ob die gesellschaftlichen Bedingungen (mit-)­ursächlich für die Magersucht sind, ist umstritten. Obwohl sie unser tägliches Handeln bestimmen, bleibt die Frage nach der Kausalität offen.

Die wörtliche Übersetzung des lateinischen Ausdrucks „Anorexie“ bedeutet „Appetitverlust oder Appetitverminderung“, das eine irreführende Bezeichnung ist, da nicht der Appetit, sondern das Essverhalten gestört ist. Der Zusatz „nervosa“ weist auf die psychischen Ursachen der Essstörung hin. Demnach lässt sich das Störungsbild als „Appetitmangel nervöser Art“ wörtlich übersetzen. Anorexiekranke leiden nicht an Appetitmangel, es handelt sich vielmehr um eine bewusste Unterdrückung des Appetits oder des Hungergefühls, das aus dem Verlangen entsteht, mager sein zu wollen. Deshalb trifft der umgangssprachliche Gebrauch „Magersucht“ dieses Krankheitsbild zutreffender. Die aktuellen Diagnosekriterien definieren die Anorexia nervosa über Merkmale, die sich in erster Linie auf das Essverhalten und auf damit in engem Zusammenhang stehende Verhaltensweisen der Gewichtsregulation beziehen. So ist dieses Störungsbild durch einen „absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust“ gekennzeichnet. Daneben werden als Voraussetzung für die Diagnose über das entsprechende Untergewicht hinaus ausgeprägte Ängste „vor einem dicken Körper und einer schlaffen Körperform“ haben, die als „tiefverwurzelte überwertige Idee besteht und die Betroffenen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst festlegen“ (Körperschema-Störung), so dass meist eine Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades vorliegt.

Die Magersucht ist eine seit dem Mittelalter bekannte Störung. Während das Fasten als eine religiöse Form der Nahrungsabstinenz war, gab es ab dem 16. Jahrhundert sog. „Wundermädchen“, die behaupteten, jahrelang ohne Nahrung auszukommen. Ende des 19. Jahrhunderts lösten „Hungerkünstler“ die „Wundermädchen“ ab, wobei es sich nicht um eine Krankheit handelte, sondern um eine zielbewusste Entscheidung des Hungernden. In der allegorischen Erzählung „Ein Hungerkünstler“ thematisiert Franz Kafka die Kunst des öffentlichen Hungerns anhand des Schicksals eines Hungerkünstlers.

Insbesondere die aus Amerika stammende Pro-Ana-Bewegung zeigt, dass die Magersucht heute noch immer aktuell ist. Ein Weg in die Krankheit, vor allem aber zur Bestätigung und Verstärkung junger Mädchen führt über Pro-Anorexie-Foren im Internet. Sie selbst bezeichnen sich verharmlosend als Pro-Ana, die als Abkürzung für ein Bekenntnis zur Magersucht steht. Diese Foren und Blogs beinhalten „thinspirations“, also meist am PC bearbeitete Bilder von extrem abgemagerten Mädchen, die andere dazu animieren sollen, weiter zu hungern. Daneben Tipps, wie man das Hungern möglichst unauffällig betreiben kann, damit Familie und Freunde es nicht bemerken, und Regeln, Psalme und Gebote für die Verehrung von Ana. Während einige noch der Meinung sind, Pro-Ana-Foren seien für nicht-therapierbare Magersüchtige, hat seitens der Jugendschützer, die sich gegen eine Verherrlichung von Essstörungen im Internet mit der gleichnamigen Broschüre aussprechen, ein Umdenken statt gefunden.

Ich sehe in der Pro-Ana-Bewegung eine große Gefahr für junge Mädchen, die diesem Trend nacheifern möchten. Eine Möglichkeit, präventiv tätig zu werden, ist die fotopädagogische Auseinandersetzung mit dieser Problematik, die in der offenen Jugendarbeit aber auch im Rahmen des Schulunterrichts, zentralisiert werden kann. Dadurch werden junge Menschen einerseits für die Gefahren solcher Websiten sensibilisiert, andererseits kann das Thema gesellschaftspolitisch und künstlerisch im Rahmen fotopädagogischer Möglichkeiten beleuchtet werden. Wie so etwas aussehen kann, zeigt mein fotopädagogisches Projekt.

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